Grafiken und Tabellen

Kreis Kleve: Arbeitsgemeinschaft Wohlfahrt zum Arbeitslosenreport 2021

Corona belastet den Ausbildungsmarkt

Die Zahl der Jugendlichen, die nach der Schule ohne Ausbildungsplatz oder Anschlussqualifizierung dastehen und quasi abtauchen, steigt in der Corona-Krise massiv an. Das belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW (LAG FW). Gleichzeitig sinkt auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze – eine gefährliche Entwicklung. „Wir dürfen in der Corona-Krise die jungen Menschen im Übergang von der Schule in den Beruf nicht übersehen“, warnt Andreas Fateh, der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis Kleve.

Die Zahl der Bewerber*innen um einen Ausbildungsplatz ist in der Corona-Pandemie stark zurückgegangen, so die offizielle Statistik der Bundesagentur für Arbeit. 2020/2021 gab es im Kreis Kleve 1633 Bewerber*innen um einen Ausbildungsplatz (2018/2019: 2083). Ein wichtiger Grund sind die beschränkten Zugangswege zu Berufsberater:innen, Schulsozialarbeiter:innen und Lehrer:innen. Dadurch stehen Schüler:innen in Abgangsklassen in einer für sie ohnehin extrem belastenden Situation ohne Ansprechpartner:innen da. Ihnen fehlen Personen, denen sie vertrauen und die ihnen im direkten Kontakt mit professioneller Unterstützung weiterhelfen können. „Jobcenter und Arbeitsagenturen waren und sind vielerorts wegen der Corona-Pandemie oft schwer erreichbar“, sagt der Vorsitzende.
„Am Ende tauchen etliche Jugendliche ab und melden sich gar nicht erst ausbildungssuchend“, warnt Andreas Fateh. Damit junge Menschen nicht schon beim Start ins Berufsleben verlorengehen, müsse die verlässliche Begleitung am Übergang von der Schule in den Beruf durch Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen sowie durch die Beratungsfachkräfte der Arbeitsagenturen unbedingt verbindlich und engagiert wieder intensiviert werden, fordern die Wohlfahrtsverbände im Kreis Kleve.
Der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Andreas Fateh im Kreis Kleve: „Wirtschaft und Arbeitsmarkt suchen händeringend nach Fachkräften. Also müssen wir den jungen Menschen hinterhergehen, ehe sie verloren gehen: mit aufsuchenden Angeboten, einer Mobilität der Arbeitsagenturen bis in die Sozialräume hinein, mit regelmäßiger Präsenzberatung beispielsweise in offenen Treffs und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe. Zudem muss die Elternarbeit bei der Begleitung und Förderung junger Erwachsener mitgedacht und mitfinanziert werden.“


Am Ausbildungsmarkt enorme Passungsprobleme

Industrie und Handwerk müssen nach Auffassung der Wohlfahrtsverbände weiterhin für mehr Ausbildungsplätze sorgen. Zwar erhalte rein rechnerisch derzeit fast jede*r Bewerber*in eine Stelle, doch in der Praxis brauche man einen Angebotsüberhang von 12,5 Prozent an Ausbildungsstellen, damit Besetzungen adäquat überhaupt gelingen können. So gab es 2020/2021 im Kreis Kleve 1630 gemeldete Ausbildungsplätze (2018/2019: 1786), also im Durchschnitt 1 gemeldete Stelle je Bewerber*in. Doch in einzelnen Berufsbereichen ist die Versorgung sehr unterschiedlich.

Der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Andreas Fateh im Kreis Kleve:

„Wir haben am Ausbildungsmarkt in NRW enorme Passungsprobleme. Neben verstärkten Ausbildungsanstrengungen der Wirtschaft, die wir dringend brauchen, um die Zahl der Ausbildungsplätze insgesamt zu steigern, braucht es mehr vermittelnden Einsatz, um junge Menschen bei der Aufnahme einer Berufsausbildung zu unterstützen. Ausbildungsvorbereitende Maßnahmen, aber auch Angebote des Jugendwohnens und Landesprogramme wie ‚Ausbildungsprogramm NRW‘ oder ‚Matchingberater‘ sind hilfreich. Leider stockt die Landesregierung diese Programme nicht auf, ja lässt sie zum Teil auslaufen. Das halten wir für eine Fehlentscheidung!“

Knapp 7000 unversorgte Bewerber*innen ohne Alternative in NRW

Der Arbeitslosenreport NRW der Wohlfahrtsverbände zeigt auch, dass am Ende des Ausbildungsjahres 2020/21 sehr oft Bewerber*innen ohne Schulabschluss sowie junge Menschen mit Schwerbehinderung oder ausländischer Staatsangehörigkeit zu denjenigen gehören, deren Situation besonders prekär ist. Ohne Ausbildungsplatz, ohne Fördermaßnahme, ohne weiteren Schulbesuch und ohne Arbeitsplatz gelten sie als „unversorgt“. Ihre Zahl liegt nach der Statistik der Bundesagentur bei 6993.


Der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Andreas Fateh im Kreis Kleve:

„6993 junge Menschen in NRW, davon 158 aus dem Kreis Kleve, die am Ende eines Ausbildungsjahres als Unversorgte dastehen, ohne schulische oder berufliche Perspektive – das sind 6993 junge Menschen zu viel!“ Diese jungen Menschen dürften nicht als „Generation Corona“ ins Abseits geraten. „Um sie zu erreichen, brauchen wir jetzt deutlich mehr aufsuchende Angebote im Sozialraum, auch in neuen und ungewöhnlichen Kooperationen, etwa mit Vereinen, offenen Treffs und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe. Gerade ehemalige Förderschüler:innen sollten dabei besondere Aufmerksamkeit finden“, fordert der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis Kleve.

Hintergrund:

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den „Arbeitslosenreport NRW“. Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de heruntergeladen werden. Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen.

Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege haben sich in der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände im Kreis Kleve zusammengeschlossen. Gemeinsames Ziel der Arbeit ist die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit und die Sicherung bestehender Angebote im Kreis Kleve. Die Wohlfahrtsverbände bieten mit ihrem breiten Spektrum an Einrichtungen und Diensten vielen Menschen Unterstützung und Hilfe – für Kinder, Jugendliche und Familien, für Senior*innen, für von Armut Betroffene, für Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftige, für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, junge Menschen ohne Ausbildung und Langzeitarbeitslose.